Stadtteilmütter in Berlin-Neukölln

Pilotprojekt im Rathaus Neukölln

Serap Özder-Pfisterer

Berlin, 28.11.2008

Fachtagung Familienbildung ( Werkstatt der Kulturen)

Was sind uns Bildung und frühe Förderung von Kindern und Familien wert? Zukunft sichern durch Chancengerechtigkeit und Teilhabe - ein Beitrag zur aktuellen Wertedebatte

Vorstellung des Projekts "Stadtteilmütter in Neukölln"

 

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren, herzlich Willkommen -

Mein Name ist Serap Özder-Pfisterer, ich bin eine sozialpädagogische Mitarbeiterin und Koordinatorin vom Projekt und arbeite beim Diakonischen Werk Neukölln Oberspree. Ich habe einen türkischen Migrationshintergrund.

Ich werde heute versuchen, Ihnen unser Pilotprojekt "Stadtteilmütter" vorzustellen.

Vor drei Jahren wurde im Quartiersmanagementgebiet Schillerpromenade, im Norden Neuköllns, dieses Modellprojekt ins Leben gerufen. Damals fing eine Gruppe von 20 türkischen und arabischen Müttern die Ausbildung als Stadtteilmütter an. Seit September 2006 wurde in neun Fördergebieten Neuköllns das Modellprojekt umgesetzt. Und seit Juni 2007 gibt es 90 ausgebildete Stadtteilmütter als aufsuchende Multiplikatorinnen für schwer erreichbare türkische und arabische Familien.

Die Finanzierung des Pilotprojektes erfolgt aus Programmitteln der Sozialen Stadt und aus Mitteln des Bezirks. Auch der Verbundcharakter des Projektes ist besonders hervorzuheben, da hier Ressourcen von vier Kooperationspartnern gebündelt wurden. Diakonisches Werk Neukölln Oberspree e.V., Trägervertretung Jobcenter Neukölln, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und das Bezirksamt Neukölln.

Stadtteilmütter (SM) beraten und unterstützen in Erziehungs- und Bildungsproblemen die Eltern, besonders die Mütter. Meistens erreichen wir durch die Mütter auch die Väter. Und gerade dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen. Meistens können Fachkräfte wie Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen oder Familienhelferinnen bis zu einem gewissen Grad versuchen den Vätern Informationen zu vermitteln oder Orientierungen geben, aber in den meisten Fällen scheitern diese Versuche. Aber Stadtteilmüttern aus ihren eigenen Kiezen, Nachbarschaften gelingt dies durchaus effektiver. Denn die SM besuchen die Familien in ihren jeweiligen Quartiersgebieten, wo sie auch selbst wohnen.

Unsere Zielgruppe sind die genannten Migrantenfamilien, die Kinder zwischen 0 bis 6 Jahre haben. Ich möchte noch erwähnen, dass wir ein Integrationsprojekt sind, d.h. dass wir keine deutschen Familien besuchen und auch keine Stadtteilmütter ausbilden, die deutscher Herkunft sind.

Das Vorbild unseres Projektkonzeptes stammt aus den Niederlanden, aus Rotterdam. Muttersprachliche Multiplikatorinnen machen aufsuchende Beratung in Familien, nachdem sie einen Qualifizierungskurs absolviert haben. Sie bekommen eine Entlohnung für ihre Tätigkeit und werden sozialpädagogisch begleitet. Nach diesem Modell bilden auch wir arbeitslose, interessierte Mütter mit guten Deutschkenntnissen aus dem jeweiligen Stadtteil, den neun Quartiersgebieten im Norden Neuköllns ( Schillerpromenade, High-Deck-Siedlung, Reuterkiez, Rollbergkiez, Flughafenkiez, Weisse Siedlung). Stadtteilmütter werden für ihre Tätigkeiten bezahlt. Nicht als Honorarkraft, sondern sie werden nach einer Sondermaßnahme der sogenannten ÖBS-Maßnahme bezahlt, d.h. sie bekommen ein monatliches Gehalt.

Sie müssen eine 6-monatige Ausbildung zu zehn Themenschwerpunkten absolvieren. Unsere Themen sind: Zweisprachige Erziehung, gesunde Ernährung, Kinderrechte und gewaltfreie Erziehung, der Umgang mit Medien, Gesundheitsvorsorge, Unfallverhütung, motorische Entwicklung, Schulsystem und Kita, Suchtvorbeugung und Sexualentwicklung. Zu diesen einzelnen Themen, mit natürlich vielen Unterthemen, gibt es eine Materialtasche, in der viele Informationsbroschüren und Arbeitsmaterial vorhanden ist. Diese Mappen werden später den Familien, die zu jedem Thema einmal besucht werden, weitergereicht. D.h. die Familien werden insgesamt 10x besucht von einer SM. Die SM besucht eine Familie zu vereinbarten Terminen 1,5-2 Stunden. Nach der Ausbildung werden die SM einmal wöchentlich sozialpädagogisch begleitet, d. h. sie haben Teamsitzungen, um sich auszutauschen, Probleme zu besprechen, Fälle zu bearbeiten mit denen sie nicht weiterkommen und Termine wahrzunehmen wie z.B. die gestrige und heutige Fachtagung.

Unsere Ziele sind Eltern zu stärken.

Viele dieser Eltern sind in ihrer Verantwortung allein gelassen, sie brauchen häufig und manche sogar kontinuierlich Unterstützung in Erziehungsfragen. Viele Eltern haben Probleme, ihre Erziehungs- und Bildungsaufgaben angemessen wahrzunehmen. Wir sehen hier die Notwendigkeit, Schritte und Maßnahmen einzuleiten, die allen Kindern gleiche Startchancen einräumen. Wir setzen vor allem auf die bessere Erreichbarkeit der Eltern mit migrantischem Hintergrund und die Vermittlung von Sprach- und Sozialkompetenzen.

Wir erreichen diese Familien, wie ich schon am Anfang erwähnte, da die Stadtteilmütter aus ihren eigenen, vertrauten Kreisen zu ihnen gelangen. Es sind die Nachbarinnen, Schwiegertöchter, Töchter, Freundinnen, auch sogar Schwiegermütter, die als Stadtteilmütter zu ihnen kommen. Wir fördern die Sprachfähigkeit der Kinder durch Motivation zu Kitabesuch und die Mütter zu Deutschkursen.

Nach wie vor gibt es Familien, die ihre Kinder nicht in eine Kindergarteneinrichtung oder in eine Kita schicken. Als Gründe sind uns bekannt, dass die Kinder nicht ausreichend ernährt werden, dass es Schweinefleisch im Essen gibt, dass Kinder von anderen Kindern Gewalt erleben und dergleichen. Wir klären auf, geben Informationsmaterial und motivieren die Mütter, erklären die Wichtigkeit eines Kindergartens nicht nur wegen der Sprachförderung für das Kind, sondern auch das Spielen und Erlernen der sozialen Fähigkeiten mit Gleichgesinnten.

Ein weiteres Ziel ist es, konkrete Hilfen für Familien im Bezirk zu vermitteln. Viele Familien lernen durch die Stadtteilmütter, was sie alles an Möglichkeiten in ihrem eigenen Bezirk überhaupt haben, wie z.B. Erziehungs- und Beratungsstellen, Schuldnerberatungen, Mietervereine, Nachbarschaftstreffpunkte, Suchtberatungsstellen etc.

Wir versuchen durch unsere Themen aufzuklären, was meistens den Effekt mit sich bringt, dass die besuchte Mutter, nach einer Weile selbstbewusster mit den Problemen umgeht. Natürlich klappt es nicht bei allen Müttern, auch nicht gleich, aber es gibt immer mehr Resonanzen, die dies bestätigen.

Wie erreichen wir überhaupt diese Familien?

Unsere beste Werbung läuft durch Mundpropaganda, erstens durch die Stadtteilmütter selbst, durch die Nachbarschaft, vom Hörensagen. Meistens empfiehlt eine besuchte Familie eine Stadtteilmutter den eigenen Verwandten oder Bekannten weiter. Wir machen Werbung für unser Projekt auf Schulfesten, in Kiezzeitungen, in Deutschkursen. Und nicht zu vergessen ist unsere aufsuchende Arbeit vor den Kitas, in den Moscheen, Arztpraxen, Spielplätzen, Elternabenden.

Wir erhoffen uns, mit unserem Projekt einen wichtigen und sehr effektiven Beitrag für unsere Gesellschaft, in der wir leben, zu leisten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Serap Özder-Pfisterer