"Kinder brauchen Werte"

Cornelia Spohn, stellvertretende Sprecherin des Bundesforums Bundesgeschäftsführerin des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.

Begrüßung (Bundesforum Familie)

"Kinder brauchen Werte" heißt das derzeitige Projekt des Bundesforums Familie, einem Zusammenschluss von mehr als 100 Organisationen, die sich für eine familienfreundliche Politik und Gesellschaft einsetzen.

"Kinder brauchen Werte?" - das klingt banal, werden Sie vielleicht denken, natürlich brauchen Kinder Werte, warum muss man dazu ein extra Projekt ins Leben rufen? "Kinder brauchen Werte" kann man aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachten; je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr Facetten bekommt dieses Thema - schauen Sie mal auf unsere website ""www.bundesforum-familie.de.

Der Titel eines Familienforums in Österreich lautet: "Was nützt die beste Erziehung? Kinder machen uns sowieso alles nach." Eben. Wenn wir Kindern Werte vermitteln wollen, müssen wir sie ihnen vorleben. Wie wir unsere Beziehungen und unseren Alltag gestalten, welche Prioritäten wir mit unseren Handlungen setzen, wie viel Mitgefühl wir uns erlauben und wann wir uns Aggressivität gestatten - Kinder bilden sich ihre Werte nach unserem Vorbild; "Kinder brauchen Werte" wirft also zunächst die Frage auf: von welchen Werten werden die Erwachsenen geleitet? Und wie bewusst sind sie sich darüber? Einen solchen Selbstreflexionsprozess anzuregen und zu begleiten, ist eine der Projektaufgaben des Bundesforum Familie.

Nun besteht unsere Gesellschaft nicht aus einzelnen, Werte vorlebenden Erwachsenen - das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile. Für die Gesellschaft als Ganzes - sei es die Politik, die Medien, die Religionsgemeinschaften, sei es, wie wir Bildung oder soziale Sicherung organisieren - für die Gesellschaft als Ganzes, in unserem sozialen Miteinander ist das "Werte leben" und das "Werte erleben" auch eine Frage von Zugehörigkeit oder Ausgeschlossen sein.

Kinder haben Werte. Sie haben z.B. ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit. Kinder aus armen Familien; Kinder von Eltern, die ihnen nicht bei den Hausaufgaben helfen können; Kinder mit schwarzer Hautfarbe oder nichtdeutscher Herkunft - sie alle merken schon früh, dass sie "anders" sind und dieses Anderssein von ihrer Umgebung bewertet wird. Auch darin folgen sie dann später unserem Vorbild.

Nehmen wir den Kontext dazu, dann ist die Aussage "Kinder brauchen Werte" überhaupt nicht mehr banal, sondern existenziell für Gegenwart und Zukunft unseres Gemeinwesens. Kinder brauchen den Wert der Fürsorge, der Förderung, der Bildung. Sie brauchen eine sie wert-schätzende Umgebung, die ihnen wert-volle Anregungen bietet. Kinder brauchen auch unser Vorbild, wie mit Wertekonflikten, mit Ambivalenzen und Widersprüchen umzugehen ist.

Wie viel Werte-Konsens ist nötig, wie viel Wertevielfalt ist möglich - in einer Einwanderungsgesellschaft wird diese Frage gern an den sog. kulturellen Werten debattiert. Was sind "kulturelle Werte"? Wie kommen sie zustande? Und wie finden sie Eingang in die individuellen Werthaltungen von Menschen? Kann der Diskurs über Werte überhaupt wertfrei geführt werden? Steckt nicht in jeder Wertedebatte implizit eine Bewertung? Und ist damit auch eine Frage von Machtverhältnissen? Sie sehen, wenn man sich mit Werte-Erziehung beschäftigt, kann man schnell bei grundsätzlichen Fragen landen.

Vor ein paar Wochen wurde eine Sinus-Studie zu den "Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland" veröffentlicht, die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt wurde. Bei der Präsentation der Studie sagte Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium: "Menschen desselben Milieus, die individuelle Wertvorstellungen, Lebensstile und ästhetische Vorlieben teilen, verbindet trotz unterschiedlicher Herkunft mehr miteinander als mit ihren Landsleuten aus anderen Milieus. Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit, Religion und Zuwanderungsgeschichte beeinflussen zwar die Alltagskultur, sind letzten Endes aber nicht identitätsstiftend. Wir können also nicht von der Herkunft auf individuelle Wertvorstellungen, Lebensstile und ästhetische Vorlieben schließen. Die Studie zeigt auch sehr anschaulich, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter als gesellschaftlicher Grundwert bei den Migrantinnen und Migranten mit guter Bildung, die auch wirtschaftlich gut integriert sind, fest verankert ist."

Ein erneuter Hinweis darauf, dass bei der Frage nach den Werten, die unsere Gesellschaft zusammen halten, der Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen ein elementarer Wert ist. Nicht nur Kinder brauchen Werte - fühlen Sie sich herzlich eingeladen, das Projekt des Bundesforums Familie mit Ihren Ideen und Erfahrungen zu bereichern.

Vielen Dank!