Das Regensburger Modell

Fachtagung Paritätisches Bildungswerk Bundesverband

"Professionsübergreifende Kooperation im Sorge- und Umgangsrecht und die Perspektive der Kinder"

Eine kritische Bestandsaufnahme, 23.03.2007, Frankfurt am Main

Ergebnisprotokoll der Arbeitsgruppe 3:

Das " Regensburger Modell " mit einer gerichtsnahen Beratungsstelle

Claudius Vergho, Dipl. Psych., Regensburg

Moderation: Michael Greiwe, Geschäftsführer Pädagogische Dienste, Rheine

Ergänzende Informationen seitens Herrn Vergho zum Vortrag am Vormittag, als auch die Ergebnisse der Arbeitsgruppe:

Mitteilungen / Formulare:

Die Mitteilungen an das Gericht werden seitens der Familienberatung lediglich mit einem Formular getätigt, welches darüber Auskunft gibt, ob die Beratung aufgenommen wurde oder beendet ist. Inhaltliche Details werden nicht mitgeteilt, in gleicher Weise wird das Jugendamt informiert.

Freiwilligkeit:

Vier Jahre nach Bestehen der Familienberatung hat es eine wissenschaftliche Untersuchung, bzw. Evaluation eines außenstehenden Unternehmens gegeben. U. a. wurde festgestellt, dass 88% der Eltern sich freiwillig beraten ließen. Diese Zahl ist insbesondere so interessant, da diese Freiwilligkeit von den Eltern nach Abschluss der Beratung so empfunden wurde. In der Situation selbst wurde diese Freiwilligkeit geringer empfunden.

Die konkreten Zahlen in Kontext zu dem empfundenen Erfolg und zu der Freiwilligkeit der Beratung:

Da auch im "Regensburger Modell" seitens der Richter ein "sanfter Druck" ausgeübt wird, die Beratungsmöglichkeit wahrzunehmen, kann demgegenüber nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass dieser Druck den Beratungserfolg wesentlich mindert.

Im Vergleich zum Cochemer Modell ist dieser ausgeübte Druck jedoch als wesentlich geringfügiger anzusehen.

Umgangsbegleitung:

Des Weiteren berichtete Herr Vergho darüber, dass seitens der Beratungsstelle auch Umgänge begleitet werden. Diese Leistung haben wir aus der weiteren Diskussion ausgeschlossen, da Umgangsbegleitung eher in den Aufgabenbereich der Jugendämter oder der Dienste fällt und nicht zur Förderung von Vereinbarungen im familiengerichtlichen Verfahren zählt.

Informationsfluss zwischen Beratungsstelle und Gericht:

Das Familiengericht gewährt der Beratungsstelle Akteneinsicht in die Gerichtsakte, die seitens der Beratungsstelle nur sehr geringfügig genutzt wird. Allenfalls werden hier die Stellungnahmen des Jugendamtes eingesehen.

Weiterhin ist der geringfügige Informationsfluss beabsichtigt, damit die Beratungsstelle in einer neutralen Funktion bleibt und so höhere Vereinbarungserfolge erzielen kann. Ziel ist es, durch die Beratung das dann ruhende gerichtliche Verfahren nicht parteilich zu beeinflussen. Im Vergleich zu dem "Cochemer Modell" ist es nicht primäres Ziel, durch einen regen Informationsfluss und eine enge Vernetzung verschiedener Personen und Aufgaben eine Einigung zu erzwingen, sondern die Situation zu nutzen, dass das Verfahren ruht. Die mögliche resultierende Einigung der Beteiligten (Eltern) wird dann von diesen selbst dem Gericht mitgeteilt.

Weitere am familiengerichtlichen Verfahren beteiligte Personen:

Sollten im familiengerichtlichen Verfahren bereits Gutachter, Verfahrenspfleger, o. a. bestellt sein, so wird zu diesen Personen kein Kontakt aufgenommen, dieser sogar verweigert.

Sollte allerdings durch die Vorgeschichte bereits bekannt sein, dass bereits Versuche des Verfahrenspflegers o. a. Personen stattgefunden haben, z.B. einen Umgangskontakt wiederherzustellen, so wird seitens der Beratungsstelle kein neuer Versuch unternommen.

Gewaltproblematik:

Alle Fälle durchlaufen vor Beginn ein sog. Gewaltscreening, wie es u. a. in Kanada üblich ist.

Sollte

freiwillig

nicht freiwillig

erfolgreich

36%

3%

Teils / teils

31%

26%

wenig

33%

48%

sich diese Überprüfung als positiv erweisen, so werden - zumindest zu Beginn - keine gemeinsamen Beratungen, sondern getrennte Termine vereinbart. Zudem wird der Fall in Bezug auf die aufgetretene Gewalt überprüft und geplant, sodass notwendige Schutzmaßnahmen ergriffen werden.

Vernetzung:

Seitens der Gruppe wurden

freiwillig

nicht freiwillig

erfolgreich

36%

3%

Teils / teils

31%

26%

wenig

33%

48%

vielfache Beispiele benannt, dass in den derzeitigen familiengerichtlichen Verfahren durchaus enge Vernetzungen und Informationsflüsse gegeben sind. Die am Verfahren beteiligten Personen und Institutionen, wie Jugendamt, Gericht, Verfahrenspfleger, usw. stehen jedoch in jedem Fall sehr unterschiedlich miteinander im Kontakt. Dr. Grüter, Familienrichter am Familiengericht in Saarburg, teilte aus seiner Praxis mit, dass ihm diese enge Vernetzung dazu dient, das familiengerichtliche Verfahren adäquat zu begleiten und zu den günstigen Zeitpunkten möglichst effektive Entscheidungen treffen zu können. Diese Vernetzung geht u. a. soweit, dass regelrechte Helferkonferenzen unter Beteiligung d. o. g. Verfahrensbeteiligten stattfinden, um die derzeitige Situation gemeinsam zu eruieren und mögliche Vorgehensweisen daraus abzuleiten, zu vereinbaren.

In der weiteren Diskussion wurde insbesondere die Fragestellung erörtert, ob dem weiteren Verlauf eher ein standardisiertes Modell oder eine Vernetzung je nach der Individualität des Falles dienlich ist.

Beratung:

Wie schon oben erwähnt, ist die Positionierung der Mitarbeiter des " Regensburger Modells" wesentlich weiter außerhalb des Verfahrens, als die der Verfahrensbeteiligten beim "Cochemer Modell ".

Herr Vergho gibt allerdings an, dass die Abgrenzung von dem familiengerichtlichen Verfahren, bzw. gegen die Involvierung in dieses immer wieder einer kontinuierlichen Abgrenzung bedarf.

Die Gruppe selbst ist sich einig, dass in den bislang üblichen Verfahren außenstehende Beratungsstellen nicht in das familiengerichtliche Verfahren involviert werden (sollen). Abgesehen von Problemen des Datenschutzes werden die bestehenden Therapien und Beratungen nicht gefährdet, zum anderen ist die Parteilichkeit der dort handelnden Personen dem familiengerichtlichen Verfahren eher nicht dienlich.

Seitens Herrn Dr. Grüter wurde nochmals erwähnt, dass sich das " Cochemer Modell" auch dadurch charakterisiert, dass über lange Zeiträ ume sehr viele Beratungstermine gewährt werden, teilweise befinden sich Verfahren in "Endlosberatungen" ohne Ergebnis.

An dieser Stelle unterscheidet sich das "Regensburger Modell" sehr deutlich, denn nach nur wenigen erfolglosen Beratungsterminen wird die Beratung beendet und d. o. g. Mitteilung an das Gericht geschickt.

Prozesshaftigkeit der Verfahren

Seitens Dr. Grüter wurde eingebracht, dass der Entwurf und die Idee der verschiedenen Modelle letztendlich eine Reaktion der Familienrichter auf die Tatsache sei, dass diese im familiengerichtlichen Verfahren nicht - wie in anderen Verfahren - über Sachverhalte, sondern über menschliche Beziehungen zu entscheiden hätten.

Dieses bedeutet, dass die - oft hohe - Dynamik dieser Prozesse oftmals nur zu kurzfristigen (oftmals = kurzlebigen) Entscheidungen reicht, da sich die Konstellation und die Haltung der Streitenden situativ ändert.

Hingegen scheint es seitens der Gruppe ein wichtiger Punkt zu sein, wann das/oder ein entsprechendes Modell im Verfahren eingesetzt wird, bzw. über eine Kooperation die richtigen Zeitpunkte für die richtige Intervention genutzt werden.

Diesbezüglich stellen sich alle Modelle, unabhängig von der Methode (z. B. der Beratung), als ein Instrument dar, welches wie viele andere Interventionen seitens des Gerichtes (Bestellung Verfahrenspfleger, Bestellungsgutachter, Anhörung des Kindes usw.) eingesetzt werden kann.

Beteiligung der Kinder am Verfahren:

Herr Vergho berichtet, dass es aufgrund der teilweise sehr schwierigen Beratungsprozesse mit den Kindeseltern oftmals nicht gelingt, eine elterliche Zustimmung und Mitwirkung zu erreichen, dass Kontakt zum Kind hergestellt wird. Derzeit schätzt er, dass er ca. 40% der Kinder nicht kennen lernt.

Wenn diese Kontakte dennoch stattfinden, so können gerade diese natürlich eine gute Voraussetzung für eine effektive Beratung sein, da der Wille und das Wohl des Kindes effektiver in die Beratungen mit einfließen.

Eine Anhörung hat in der Regel bereits schon stattgefunden, so dass die bisherige Beteiligung des Kindes am Verfahren gem. §50b FGG gewährleistet ist.

Vor- u. Nachteile des schnellen ersten Verhandlungstermins

Unter einem schnellen ersten Verhandlungstermin versteht die Gruppe einen Termin binnen vier Wochen.

Herr Dr. Grüter berichtet darüber, dass er diese schnellen ersten Termine oftmals als sehr positiv für das Verfahren und für das Kindeswohl erlebt, da er als Richter die direkten alltagsbezogenen Bedürfnisse des Kindes (Schulbesuch, Besuchskontakt) sehr zeitnah sichern kann.

Des Weiteren sieht er im Rahmen dieser schnellen Entscheidungen eine gute Basis, dann den Beratungsprozess der Eltern zu fördern. Das Verfahren konzentriert sich dann auf diese Situation die Machtverhältnisse relativieren sich.

Beispiel Umgangsverfahren (Umgang Kind zum Vater): Die Mutter hätte ohne eine Entscheidung während der Beratung eine außerordentliche Machtposition, wenn bis zum Abschluss eines Beratungsergebnisses der Kindesvater weiter auf das Kind verzichten muss; mit dem ersten Termin und der Sicherung des Umgangs begegnen sich die Eltern mit gleichen Ausgangspositionen.

Demgegenüber äußerte u. a. Frau Niestroj große Bedenken hinsichtlich des schnellen ersten Termins, da überstürzte Entscheidungen oft dazu führen, dass Gewalt und das Kindeswohl übersehen und nicht gesichert werden. Eine Überprüfung, ob diese schnellen Entscheidungen am Kind orientiert sind, findet zu geringfügig statt. Des Weiteren ist dieser erste Termin kritisch zu betrachten, da für viele Beteiligte kaum Vorbereitungszeit bleibt und die Situation zwischen den Kindeseltern oftmals noch so angespannt ist, dass sich die familiengerichtliche Verhandlung als sehr schwierig erweist.

Mögliche Standards:

Gewaltscreening, auch von Seiten des Gerichtes oder anderen am Verfahren beteiligten Personen

Verantwortungsvolle Vorbereitungen und definitive Rahmenbedingungen als Qualitätsstandard, um eine Antwort auf den vorhandenen Druck zu finden. Insbesondere in sehr strittigen Fällen herrscht dieser hohe Druck auf die Beteiligten, vornehmlich auch auf das Kind. Es ist daher von Nöten, dass sich die Personen und Institutionen in einer Art und Weise formieren, dass ausgearbeitete Konzepte, Strukturen und Rahmenbedingungen in ausgereifter Form vorhanden sind. Herr Vergho weißt an dieser Stelle nachhaltig darauf hin, dass es für die zuständigen Mitarbeiter ebenso einen außerordentlichen Druck bedeutet, in diesem Kontext zu arbeiten. Notwendige Rahmenbedingungen (Arbeitszeitaufteilung, Räumlichkeiten, Reflexionen, Teambetreuung, Rückhalt durch das Gericht) müssen definitiv vorhanden sein, um zu einer erfolgreichen Arbeit zu gelangen.

"Wahlfreiheit", keine Vorschrift auf ein bestimmtes Modell, sondern unter der Anerkennung der spezifischen Vorteile aller Modelle und Instrumente die Möglichkeit, diese je nach Lage des Falles individuell nutzen zu können.

Es ist Konsens der Gruppe, dass eine besondere Schwierigkeit darin liegt, die beiden divergierenden Punkte der notwendigen Mitwirkung des Kindes am Verfahren, als auch demgegenüber die zu vermeidende Verantwortungsdelegierung an das Kind sinnvoll abzuschätzen. Diese Entscheidung / Gestaltung sollte im Familiengerichtlichen Verfahren einen besonderen Schwerpunkt erhalten.

Gez. Michael Greiwe