Cochemer Modell

Professionsübergreifende Kooperation im Sorge- und Umgangsrecht

Kritische Anmerkungen zum "Cochemer Modell" im Kontext empirischer Erkenntnisse

Dr. Kerima Kostka

Thesenpapier Fachtagung

"Professionsübergreifende Kooperation im Sorge- und Umgangsrecht und die Perspektive der Kinder - eine kritische Bestandsaufnahme"

23.03.2007, Frankfurt am Main

Das "Cochemer Modell"

Grundgedanken und Ziele

Das Rollenverständnis der Professionen (s.a. Kölner Fachkreis Familie, VAMV)

Geschaffene Realität in Cochem

Erfolg des "Cochemer Modells"?

Gemeinsames Sorgerecht - empirische Erkenntnisse

Gemeinsames Sorgerecht und Umgang

Gemeinsames Sorgerecht und Kindesunterhaltszahlungen

Zusammenhang zwischen Unterhalt und Umgang

Zusammenhang zwischen Unterhalt und gemeinsamem Sorgerecht

Gemeinsames Sorgerecht und elterliche Kooperation / Konflikte

Die Begleitforschung in Deutschland (Proksch)

Gemeinsames Sorgerecht im "Cochemer Modell"

Mediation - empirische Erkenntnisse aus den USA und Großbritannien

Mögliche problematische Aspekte

Zufriedenheit mit Mediation (Pearson/Thoennes 1986)

Mediation und Kooperation / Konflikte der Eltern

Verbesserung der Beziehung zum Partner (Pearson/Thoennes 1986)

Gestaltung des Umgangs (Pearson/Thoennes 1986)

Kindesunterhaltszahlungen

Gerichtsgebundene Mediation in Großbritannien

  • Mediation (z.T. verpflichtend vor Gerichtstermin) kosteneffektiver, in aller Regel nur ein (10-15minütiges) Treffen.
  • Studie Davis/Bader zu gerichtsgebundener Mediation: In 56% der untersuchten Fälle hatten die Eltern während aller Phasen des Treffens nicht miteinander gesprochen widerspricht Konzept
  • Häufig Eltern gedrängt, auch gegen ihren Willen zuzustimmen.
  • Viele "Einigungen" hielten nicht lange, Unzufriedenheit mit den Regelungen war groß

Nutzen für die Kinder?

  • Generell keine konsistenten Unterschiede für Kinder zwischen Mediation und traditionellen gerichtlichen Verfahren
  • Kein Zeichen dafür, dass sich Mediation positiv auf die Anpassung von Kindern und Eltern und deren psychische Gesundheit auswirkt. (Pearson/Thoennes 1986; Kelly; Dillon/Emery)

Fazit Mediation

  • Eltern mit Mediationsverfahren generell recht zufrieden, wirkte sich aber kaum oder gar nicht auf Kooperation, Feindseligkeit, Unterhaltszahlungen oder Umgangsstreitigkeiten aus. Verbesserungen wenn überhaupt nur kurzfristig feststellbar, nach einigen Jahren kein Unterschied zu Gerichtsverfahren
  • Nutzen für die Kinder ungeklärt
  • Verhaltenssteuernde Möglichkeiten der Mediation anscheinend begrenzt
  • Einfache Gleichungen wie "Mediation ist besser als Gerichtsverfahren" lassen sich nicht aufstellen
  • "The divorce mediation experiment, as a particular form of private ordering, has outlived its utility. At mediation‘s inception, proponents promised that it would fulfill many procedural and substantive justice criteria better than courts. Specifically, they argued, and continue to argue, that mediation enhances disputant voice, lessens disputant hostility, honors family privacy, promotes the adjustment of children, costs less, and generates better results. Few of these claims, however, withstand close scrutiny" ( Bryan 2006)

Schlussresümee

  • Auffällige Parallelen zwischen Rhetorik und Konzept von Mediation und "Cochemer Modell"
  • Mittel- und langfristige Wirkung der Mediation sehr begrenzt bis nicht existent. Beim "Cochemer Modell" wurden die genannten Aspekte noch nicht untersucht, trotzdem Erfolgsbehauptung, insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit der Einigung.
  • Verhaltenssteuernde Wirkung von gemeinsamem Sorgerecht oder mediativen Ansätzen auf Verhalten der Eltern und Befinden der Kinder begrenzt oder nicht empirisch nachweisbar.
  • Gemeinsames Sorgerecht auf dem Papier und "einvernehmliche" Lösung sagen noch nichts über gelebte Realität der Eltern und vor allem der Kinder aus.
  • Weder "Cochemer Modell" noch Sorgerechtsmodelle Allheilmittel. Gefährlich sind überzogene Erwartungen, dass mit geringen - und kostensparenden - Mitteln strittige Eltern dauerhaft kooperieren. Solche Maßnahmen denkbar insbesondere als Unterstützung und Bekräftigung für bereits kooperationswillige und - fähige Eltern.
  • Verhaltensmodifizierende Wirksamkeit insbesondere für hoch konflikthafte Familien oder bei häuslicher Gewalt äußerst fraglich und darf hier - v.a. im Interesse der den Konflikten ausgesetzten Kinder - keine anderweitigen Hilfen / Interventionen ersetzen.
  • Das "Cochemer Modell" bedarf sorgfältiger und fundierter empirischer Evaluation - bevor es landes- oder bundesweit als "Allheilmittel" propagiert oder gar gesetzlich implementiert wird.

"Frustration with the current state of affairs, however, should not drive us to uncritically implement seriously flawed alternatives that exacerbate procedural and substantive deficiencies"

"We simply cannot encourage settlement for efficiency reasons, unless we also provide a mechanism to monitor quality. Our concern for short-term efficiencies cannot obscure the long-term social and economic costs caused by poor settlements" (Bryan 2006).

Anhang: Literatur

  • Arditti, Joyce A.: Differences Between Fathers with Joint Custody and Noncustodial Fathers. 62 American Journal of Orthopsychiatry 1992, 186.
  • Arditti, Joyce A. / Keith, Timothy Z.: Visitation Frequency, Child Support Payment, and the Father-Child Relationship Postdivorce. 55 Journal of Marriage and the Family 1993, 699.
  • Bryan, Penelope Eileen: Constructive Divorce. Procedural Justice and Sociolegal Reform. Washington 2006.
  • Caspary, Esther: Cochem kennt keinen Streit? Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 5.6.2005.
  • "Cochemer Praxis" - ein Handlungsmodell zur interdisziplinären Zusammenarbeit im Familienkonflikt. Interview mit Jürgen Rudolph, Richter am AG Cochem, am 29.6.2005, FF 2005, 167.
  • Davis, Gwynn / Bader, Kay: In-Court Mediation: The Consumer View (I). 15 Family Law 1985, 42.
  • Dillon, Peter A. / Emery, Robert E.: Divorce Mediation and Resolution of Child Custody Disputes: Long-Term Effects. 66 American Journal of Orthopsychiatry 1996, 131.
  • Emery, Robert E. / Wyer, Melissa M.: A Systematic Comparison of Child Custody Mediation and Litigation. 8 FAIR$HARE: The Matrimonial Law Monthly 1988, 10.
  • forsa (Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analyse): Unterhaltszahlungen für minderjährige Kinder in Deutschland. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 228. Stuttgart 2002.
  • Fritz, Bernd: Das Modell von der Mosel. Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.12.2004, 10.
  • Füchsle-Voigt, Traudl: Verordnete Kooperation im Familienkonflikt als Prozess der Einstellungsänderung: Theroetische Überlegungen und praktische Umsetzung. FPR 2004
  • Furstenberg, Frank F. / Cherlin, Andrew J.: Geteilte Familien. Stuttgart 1993.
  • Kelly, Joan B.: Parent Interaction after Divorce: Comparison of Mediated and Adversarial Divorce Processes. 9 Behavioral Sciences and the Law 1991, 387.
  • Kelly, Joan B.: A Decade of Divorce Mediation Research. Some Answers and Questions. 34 Family and Conciliation Courts Review 1996, 373.
  • Kölner Fachkreis Familie: Das Cochemer Modell - die Lösung aller streitigen Trennungs- und Scheidungsfälle? FF 2006, 215
  • Kostka, Kerima: Im Interesse des Kindes? Elterntrennung und Sorgerechtsmodelle in Deutschland, Großbritannien und den USA. Frankfurt am Main 2004.
  • Kostka, Kerima: Die Begleitforschung zur Kindschaftsrechtsreform - eine kritische Betrachtung. FamRZ 2004, 1924.
  • Maccoby, Eleanor E. / Mnookin, Robert H.: Dividing the Child. Social and Legal Dilemmas of Custody. 2. Aufl. Cambridge, MA 1994.
  • Pearson, Jessica / Thoennes, Nancy: Mediation in Custody Disputes. 4 Behavioral Sciences and the Law 1986, 203.
  • Pearson, Jessica / Thoennes, Nancy: Custody after Divorce: Demographic and Attitudinal Patterns. 60 American Journal of Orthopsychiatry 1990, 233.
  • Proksch, Roland: Rechtstatsächliche Untersuchung zur Reform des Kindschaftsrechts. Begleitforschung zur Umsetzung des Kindschaftsrechtsreformgesetzes. Köln 2002.
  • Seltzer, Judith A.: Legal Custody Arrangements and Children's Economic Welfare. 96 American Journal of Sociology 1991, 895.
  • Shrier, Diane K. / Simring, Sue K. / Shapiro, Edith T. / Greif, Judith B. / Lindenthal, Jacob J.: Level of Satisfaction of Fathers and Mothers with Joint or Sole Custody Arrangements: Results of a Questionnaire. 16 Journal of Divorce & Remarriage 1991, 163.
  • Stephens, Linda S.: Will Johnny See Daddy This Week? An Empirical Test of Three Theoretical Perspectives of Postdivorce Contact. 17 Journal of Family Issues 1996, 466.

VAMV (Verband alleinerziehender Mütter und Väter, Bundesverband e.V.: Kritische Betrachtungen zum Arbeitskreis Trennung und Scheidung "Cochemer Weg". 26.11.2005.